Und so ging es Stunde um Stunde. Ich erin-
nerte mich an Attenboroughs Szene aus dem
Film Gandhi. Wunderbar. Gandhi fährt mit de Zug durch Indien um sein Land besser kennen zu lernen. Ich hatte nach 20 Minuten den indischen Nebel ausreichend kennengelernt und machte meinen Kindle an, welchen ich von meinen wunderbaren Lieben zu Hause für diese Gelegenheiten geschenkt bekommen habe (Danke, Danke, Danke nochmals) und vertiefte mich in Brian Greens abstrakte Gedankengänge
zur Beschaffenheit der Wirklichkeit. Das gute bei meiner Reise nach Kathmandu war, dass die einzelnen Wegpunkte nur aus Endstationen bestanden. Was zumindest die Entscheidung vereinfachte, wo ich denn aussteigen muss. Motor aus, Schulz raus. Wobei es Ausnahmen gab, die diese Regel bestätigten. So drehte dann der indische Zugführer in Gorakpur seiner Diesellok den Saft ab um und freute sich auf sein Roti oder Chapati mit irgendeinem wohlschmeckenden Gemüse dabei, während ich mich in ein Schaf verwandelte. Etwas, was mir nun wirklich widerstrebt, aber in diesem Fall half den Ausgang aus dem Bahnhof in Gorakpur zu finden. Ich folgte einfach einen Hut tragenden großen Holländer, der sich schon während der Zugfahrt als ein ausgesprochen interessanter, indirekter, Weggefährte entpuppte. Er telefonierte unterwegs immer wieder mit jemandem, der ihn und seine Gruppe, zwei weitere Frauen und Männer, abholen sollte. Einmal sprang er auf, schaute auf den Bahnhofsschild in Hindi und meinte dann in perfektem Englisch: "I am not sure where. Somesthing with Seri or Sera." Ich schaute auf mein Etrex und stellte mit Bewunderung fest, dass wir uns in einem ort befanden, der diese Buchstaben aufwies. Ich drehte mich zu dem Holländer um, der sich aber in irgendeinen Comic vertieft hatte und vor sich hin grinste. Am Ende machte er dann noch einen Inder lang, der wohl seine Frau angestarrt hatte. Dies macht er so unmissverständlich, das dem Inder nur ein ebenso unmissverständliches Kopfschüttelnick blieb: "Okay"
Nachdem ich so den Ausgang gefunden hatte, versuchte ich einen verwegenen Plan umzusetzen. Fahrradrikscha heranrufen und auf Verdacht zu einem im Reiseführer empfohlenen Hotel zu fahren. Die Fahrt durch Gorakpur war so freundlich, wie der Biss in eine schimmelige Brotscheibe. Die Stadt lud in keiner Weise dazu ein, irgendetwas von ihr aufzunehmen. Sie stank nach Abgasen, sah an allen Ecken und enden verdreckt aus und das Gehupe und Geklingle erschien mir so laut, wie nie zuvor. Und in all diesen unerwünschten Sinneseindrücken, krallte ich mich an der Rikscha fest, die immer wieder durch Schlaglöcher umzukippen drohte. Natürlich war das gewünschte Hotel, dessen besonderer Reiz im kolonialen Baustil lag, ausgebucht und ich führ mit einer anderen Rikscha zurück zum Bahnhof. Nicht das es keine Auswahl gab. Jedes Hotel schrie mich in verschiedenen Farben und Formen an: "Komm zu mir und habe eine schlaflose Nacht bei mir." Ich entschied mich für eines, dessen Säulen mir gefielen und leider zeigte sich an dieser Stelle der Nachteil des alleinreisenden Backpackers. Man hat die Wahl die 18 Kilo seines Rucksackes in jedes Hotel mit und diverse Treppen hoch
zu schleppen. Oder man denkt in absolut reduzierten Bahnen. Ich entschied mich für zweiteres und fand mich in einem Raum wieder, der, wenn nicht die Decke frisch gestrichen gewesen wäre, auch als Einzelzelle in einem indischen Gefaengnis haette durchgehen können.
Die Matratzen hatten sich scheinbar mit allem vollgesogen, was ein menschlicher Körper absondern kann. Mit den Kopfkissen schloss ich nur in sofern Bekanntschaft, das ich den Bezug für in der Lage hielt, etwaige Lebewesen im Kissen zu halten. Mehr Begutachtung wollte ich nicht auf mich nehmen. Wie wunderbar Nichtwissen sein kann. Und auch dem Gedanken "Nur eine Nacht" nahm Gorakpur jeden Trost, in dem es bis fast zwei Uhr laut vor sich hinplärrte. Das was als euphemistisch als Toilette und Dusche bezeichnet wurde, zeige ich aus Rücksicht nicht. Letztlich lag ich dort vollbekleidet immer wieder in einen Halbschlaf gleitend und warte auf den Morgen, der mir den Bus und mich damit aus der Stadt und aus meinem Hotelzimmer brachte.
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