Dienstag, 13. Januar 2015

Swayambhunath

Kathmandu, 13.12.14
Das schwierigste bei so einer Reise scheint das filtern zu sein. Man entscheidet sich für dieses oder jenes, dahin oder dorthin zu gehen. Aber man weiß, dass man in jedem Fall etwas nicht gesehen hat, was man vielleicht besser doch mal kurz in Augenschein genommen hätte? Nun ist das in Deutschland nicht weiter schlimm. Wenn man sich für die Ausstellung in Köln in entschieden hat, kann man in der Regel ein paar Tage später die andere in Düsseldorf auch noch sehen. Schaut man lieber den Film um 20:15 im Kino und dafür nicht den um 20:00 - so what? Der andere Film kommt eh irgendwann auf Blue Ray oder im Fernsehen oder - nun ja. Aber nach Nepal fährt man nicht mal eben so. Pashupatinath nicht gesehen und erlebt? Der mitleidige Blick eines einheimischen oder internationalen Gesprächspartners trifft dich in jedem Fall.
"Also das hättest du wirklich nicht verpassen dürfen."

Und du weißt, du hast hier fast deinen kompletten Jahresurlaub genommen und wirst definitiv nicht vor 2016 dieses Land wieder betreten - wenn überhaupt. Aber was ist schon 2016? Nur eine Jahreszahl. Und man macht natürlich auch alles richtig. Und so war die Besteigung des Swamyambhunath auf jeden Fall eine der richtigen Entscheidungen. Nun ist das Ding mit dem Namen, den ich
froh bin mittlerweile fehlerfrei schreiben zu können, kein Berg sondern einer der ältesten buddhistischen Tempel Nepals und er thront auf einem Hügel im Westen von Kathmandu und wird von zwei Hindutürmen flankiert. Diese tolerante Mischung ist übrigens nichts ungwöhnliches in Nepal.
Zurück zum SWayanbhunath. Unbestreitbar der Hügel der beste Platz fuer Buddha um das Treiben der Gläubigen in der Stadt Tag und Nacht zu beäugen. Wobei sich auch die psychiatrische Sichtweise des Bagpackers hier einmischt, der sich schwitzend und nach Atem ringend über viele Stufen (365) den Augen des Buddha nähert, die auf allen Seiten der quadratischen Spitze der Stupa des Swamyambhunath aufgemalt sind. Denn mich ergriff zunächst keine spirituelle Entrückung aus der illusorischen Welt in eine des Vergessens, sondern die schlichte Frage wie wohl ein Paranoiker in Kathmandu damit umgeht, dauernd von diesen Augen auf dem Hügel beobachtet zu werden? Diese Frage bleibt unbeantwortet.
Der Weg unter die Augen Buddhas alleine ist für den hoffnungsvollen Nepalneuling an sich nicht nur eine körperliche Herausforderung wegen der vielen, unregelmäßigen Stufen, sondern auch eine geistige.

So versucht sich die westliche oder sagen wir ruhig, die kölsche Vorstellung von angemessener sakraler Umgebung mit der nepalesischen Vorstellung davon zu verbinden und stirbt dabei einen raschen Tod. Ram nam sayte hai. Obwohl in Anbetracht des buddhistischen Kontextes hier ein mitfühlendes om mani padme hum angebrachter ist. Der Weg nach oben ist gesäumt von Händlern, meist Frauen, welche Gebetsketten, Buddhas und Gebetsmühlen an den Pilger bringen wollen. Die Männer bieten sich als unerlässliche Erklärhilfe fuer den unwissenden Touristen an. Und dazwischen sitzen große
vergoldete Buddhas, deren unterschiedlichen Hand- und Fingerstellung seine verschiedenen Geisteszustände darstellen sollen. Steintafeln mit Inschriften, die ich leider nicht in der Lage war zu lesen. Kleine Säulen, bestehend aus vier Buddhas, deren, bunt bestäubte Häupter, in alle vier Himmelsrichtungen schauen und aus deren Mitte sich eine Stupa erhebt, die das Allumfassende darstellen soll. Und, um das Maß voll zu machen, weiter oben leben Horden Affen, die dort bequem in der Sonne Nepals liegen, sich gegenseitig lausen (nur ein Grund sie nicht anfassen zu wollen) oder zwischen Stupas und Steinfiguren herum turnen um sich füttern zu lassen und um die Horden von Touristen zu beobachten. Und während in Köln am Weltkulturerbe „Kölner Dom“ nicht mal Tauben toleriert werden, findet dort am Swayambhunath jedes Lebewesen seinen Platz. Die einzige Gemeinsamkeit liegt darin, dass sowohl der Dom als auch der Swayambhunath immer noch für religiöse Riten benutzt werden. Aber das war es dann auch schon. Niemals werden wir im Dom Verkaufsstände mit allen Souvenirs sehen, die das Besucherherz erfreuen. Aber auch Alltagsgegenstände zu schamlos überzogen Preisen. Ob es karmisch gesehen von Vorteil ist für vier Batterien 400 statt 75 Rupien zu verlangen, sei dahin gestellt. Aber den Mönchen, die im Swayambhunath leben und beten ist es gleich. Wenn eh alles eine Illusion ist, dann kann der Tourist auch überzogene Preise zahlen. Kann er, tut er aber nicht. Zumindest nicht ich. Natürlich ist die gesamte Anlage so wie sie ist eine Augenweide. Und damit meine ich alles. Die Affen, die Verkäufer von Futter für die Affen; die Gläubigen und die Mönche, die zu den Augen Buddhas beten, die die Gebetsmühlen drehen damit sich auch einfache
Tätigkeiten in den Pfad der Erleuchtung integrieren können; die sich mit vor dem Gesicht zusammengepressten Händen an die große, vergoldete Buddhastatue stellen, um dann verzückt lächelnd in die Kamera zu schauen. Wobei kleine Kinder die Verzückung besonders perfekt hinbekommen. Und die Buddhastatue, deren Gesicht ins Nichts versunken ist, ruht leicht und unbeirrt in diesem Trubel aus Illusionen. Und tatsächlich lösen sich alle Begebenheiten vor ihr wieder auf. Menschen und ihre Angelegenheiten kommen und gehen und nichts mehr erinnert eine Minute später daran, dass eben noch ein heiliges Posing auf ein Foto gebannt wurde. Und so ist es mit allen Dinge dort oben auf den Swayambhunath. Nur die religiösen Symbole, wie die sich langsam weiterdrehenden Gebetsmühlen, die rauchenden Butterkerzen und der Klang der Glocken haben Bestand. Die Menschen sind nur Schatten, die im Lichte der Botschaft des erleuchteten Buddhas verschwinden. Solange bis sie selber erleuchtet sind. Und so dient die Geschäftigkeit am Swayambhunath letztlich auch dem Weg zur Erleuchtung. 

Ich zahle trotzdem keine 400 Rupien für Batterien.













Sonntag, 11. Januar 2015

Kathmandu chillt

11.12. - 12.12., Kathmandu

Dermaßen geerdet wieder in der Welt angekommen, waren neue Schritte wieder möglich. Das Etrex angeworfen, dass Mobile auf 100%, das Abenteuer Kathmandu konnte beginnen. Was hatte ich nicht alles gehört. Hippiekultur, alternatives Leben, freundliche Nepalesen, die einem den Sinn des Lebens erklären – „Taxi?“. Das war also das erste Wort, welches ein Mensch aus Kathmandu an meinem ersten Tag an mich richtete, nach dem ich mich aus meinem Reisefiebertraum Mittels Schlaf, Dusche und Toast wieder erweckt hatte. „Taxi“ Ich könnte einen großen philosophischen Bogen, Taxi des Lebens, wohin geht die Reise usw, schlagen, aber ich belasse es bei einer simplen Tatsache – ich war Thamel angekommen. Wenn überall abends um 20 Uhr in Kathmandu der Strom abgeschaltet wird, und das wird er, brennen in Thamel weiter alle Lichter. Wenn Kathmandu im Abfall versinkt, ist Thamel wie aus dem Ei gepellt. Thamel ist die Oase in Kathmandu, in die die Touristen strömen, um dort den Kulturschock nicht allzu hart als schallende Ohrfeige ins Gesicht geschlagen zu bekommen. Sondern
eher als Klaps auf den Po, der warm eingepackt ist in eine Northface Thermohose. Oder hübsch eingewickelt in irgendeine farbenfrohe Pluderhose, von der der westliche, und im Übrigen nur der, Bagpacker glaubt das das der gemeine Nepalese so trägt im Alltag, was er im Übrigen nicht tut. Der Preis für diesen Kulturklaps auf den Allerwertesten ist, dass man für serienmäßig hergestellte Buddhas, Gebetsmühlen und -ketten, Schals usw usw noch mehr zahlt, als sie tatsächlich wert sind. Sehen wir mal davon ab, dass der größte Wert, dieser Dinge darin liegt, dass man sie in Nepal erworben hat. Ich mag vielleicht ein wenig exzentrisch sein, aber ich erfreue mich da mehr an einem Stein, den ich irgendwo aufgelesen habe.
Aber Thamel ist trotzdem der richtige Ort für die Besucher dieses Landes, also auch für mich. Denn den Kulturschlag ins Gesicht hält man nicht aus oder zumindest nur schlecht. Und so ist der Stadtteil Thamel nicht gerade Disneyland, was es in Nepal durchaus gibt, aber davon später. Es ist ein Ort, der gut durchzogen ist von Weihrauch- und Räucherstäbchenduft. Der bunt gekleidet in buddhistische Gebetsfahnen und feilgebotene Pluderhosen, die kein Nepalese jemals trägt, ein sorgenlosen Leben in  - Thamel verspricht. Von Seidenschals und solchen, die behaupten es zu sein. Bildbänden, Postkarten, die den Lieben zu Hause einen Eindruck schenken sollen, von der Vielfalt Nepals. Und immer wieder gespickt mit Restaurants, die den neugierigen Touristen entführen, verführen wollen, in eine kulinarische Zwischenwelt zu kommen. In der die Pizza „Quattro formaggie“ mit Büffel- und Ziegen und irgendeinem Analogkäse garniert wird, einen aber Erinnerungen daran schenkt, wie diese zu Hause schmeckt. Zu hause. Das ist dann immer noch ein irgendwo hinter der nepalesischen Wirklichkeit, aber trotzdem greifbar, schmeckbar. Ich denke es wird vielen so gehen. Den Südkoreanern, den Chinesen, die Australiern, Engländern. Die Neugierde auf ein fremdes unbekanntes Land ist etwas sehr lebendiges, aber es macht auch Angst – mir zu mindest. Und dann ist Thamel, der Ort, der einen Großteil der Zeit Strom hat, TV auf dem Zimmer, relativ saubere Straßen und hier und da ein kulinarische Erinnerung an die Heimat, genau das richtige um nicht in den nächsten Flieger zu steigen und seine Neugierde unbefriedigt zurückzulassen.
Im Grunde sträube ich mich zu schreiben, dieses Volk ist so und jenes ist so. Aber eines fällt auf, und darin begründet sich die Wahl der Überschrift. Nepalesen wirken entspannter. Ich habe noch nicht heraus was genau sie anders machen, als zum Beispiel Inder. Aber man spürt es wenn man durch die Straßen zum Swayambunath geht. Wenn man beobachtet, wie eine Verkäuferin oder ein Verkäufern in einem der „Hole in the Wall“restaurants- oder geschäften auf Kundschaft warten. Sobald ich es weiß…

Aber wir waren bei „Taxi?“. „No, thank you“ und auf geht’s in die bunte Welt, die also nicht Nepal und nicht meine Heimat ist, aber eine schöne Zwischenwelt, in der es sich lohnt ein wenig herumzustöbern und eine entsprechende Trekkingcompany zu finden, die mir einen Guide zur Seite stellt, der mich durch den Annapurnacircuit führt. Nun ist es kein leichtes Unterfangen, jemanden Vertrauenswürdiges für so eine Unternehmung zu finden, den man nicht kennt, in einem Land, dass einem fremd ist und in der ich schon Mühe hatte, einen 10 Rupie Schein von einem 20er zu unterscheiden. Für den einen ist Facebook nichts weiter als ein datensaugendes Monster (was es ist) und für den anderen eine Plattform um Menschen kennen zu lernen (was es ist). Letztlich entschied ich mich für Clear Sky Trekking. Hauptsächlich deswegen, weil einer der Besitzer mich regelmäßig via Facebook anschrieb, nachdem er mitbekommen hatte, dass ich nach Nepal wollte. Und zum anderen hey, nur 5 Minuten vom Pilgrim, meinem Hotel, entfernt lag. Ich hatte einige Mühe zwischen den ganzen Gebetsfahnen, Schildern und Stromkabeln, die da übrigens wild zu wachsen scheinen, die Company zu finden. Aber, kopfschüttelnick, Shiva, okay ein bisschen auch Google Maps,  lenkte meine Schritte in die richtige Richtung. Es empfing mich ein Mann, Mitte dreißig, Anzug, gepflegt und er machte einen ziemlich schlauen Eindruck. Aber, und hier bin ich dankbar für meine Menschenkenntnis, die ich mir in den langen Jahren auch durch meine Arbeit erworben habe, keinen verschlagenen. Auch nicht nach dem wir uns fast eine Stunde unterhalten hatten, war ich sicher mein Leben und mein Geld in seine Hände zu legen. Das klingt vielleicht etwas theatralisch, aber Tage später sollte ich erleben, wie dünn die Linie zwischen Sicherheit und Unsicherheit hier in dieser Gegend ist.
Aber jetzt war mein Eindruck gut, der Preis hatte es sich im
mittleren Kostensegment gemütlich gemacht und so waren wir uns rasch einig. Am 13.12 sollte es los gehen.