Kathmandu, 13.12.14
Das schwierigste bei so einer Reise scheint das filtern
zu sein. Man entscheidet sich für dieses oder jenes, dahin oder dorthin zu
gehen. Aber man weiß, dass man in jedem Fall etwas nicht gesehen hat, was man
vielleicht besser doch mal kurz in Augenschein genommen hätte? Nun ist das in
Deutschland nicht weiter schlimm. Wenn man sich für die Ausstellung in Köln in
entschieden hat, kann man in der Regel ein paar Tage später die andere in
Düsseldorf auch noch sehen. Schaut man lieber den Film um 20:15 im Kino und
dafür nicht den um 20:00 - so what? Der andere Film kommt eh irgendwann auf Blue Ray
oder im Fernsehen oder - nun ja. Aber nach Nepal fährt man nicht mal eben so.
Pashupatinath nicht gesehen und erlebt? Der mitleidige Blick eines
einheimischen oder internationalen Gesprächspartners trifft dich in jedem Fall.
"Also das hättest du wirklich nicht verpassen
dürfen."
Und du weißt, du hast hier fast deinen kompletten
Jahresurlaub genommen und wirst definitiv nicht vor 2016 dieses Land wieder
betreten - wenn überhaupt. Aber was ist schon 2016? Nur eine Jahreszahl. Und
man macht natürlich auch alles richtig. Und so war die Besteigung des
Swamyambhunath auf jeden Fall eine der richtigen Entscheidungen. Nun ist das Ding mit
dem Namen, den ich
Zurück zum SWayanbhunath. Unbestreitbar der Hügel der beste Platz fuer Buddha um das Treiben der Gläubigen in der Stadt Tag und Nacht zu beäugen. Wobei sich auch die psychiatrische Sichtweise des Bagpackers hier einmischt, der sich schwitzend und nach Atem ringend über viele Stufen (365) den Augen des Buddha nähert, die auf allen Seiten der quadratischen Spitze der Stupa des Swamyambhunath aufgemalt sind. Denn mich ergriff zunächst keine spirituelle Entrückung aus der illusorischen Welt in eine des Vergessens, sondern die schlichte Frage wie wohl ein Paranoiker in Kathmandu damit umgeht, dauernd von diesen Augen auf dem Hügel beobachtet zu werden? Diese Frage bleibt unbeantwortet.
Der Weg unter die Augen Buddhas alleine ist für den hoffnungsvollen Nepalneuling an sich nicht nur eine körperliche Herausforderung wegen der vielen, unregelmäßigen Stufen, sondern auch eine geistige.
So versucht sich die westliche oder sagen wir ruhig, die kölsche Vorstellung von angemessener sakraler Umgebung mit der nepalesischen Vorstellung davon zu verbinden und stirbt dabei einen raschen Tod. Ram nam sayte hai. Obwohl in Anbetracht des buddhistischen Kontextes hier ein mitfühlendes om mani padme hum angebrachter ist. Der Weg nach oben ist gesäumt von Händlern, meist Frauen, welche Gebetsketten, Buddhas und Gebetsmühlen an den Pilger bringen wollen. Die Männer bieten sich als unerlässliche Erklärhilfe fuer den unwissenden Touristen an. Und dazwischen sitzen große
vergoldete Buddhas, deren unterschiedlichen Hand- und Fingerstellung seine verschiedenen Geisteszustände darstellen sollen. Steintafeln mit Inschriften, die ich leider nicht in der Lage war zu lesen. Kleine Säulen, bestehend aus vier Buddhas, deren, bunt bestäubte Häupter, in alle vier Himmelsrichtungen schauen und aus deren Mitte sich eine Stupa erhebt, die das Allumfassende darstellen soll. Und, um das Maß voll zu machen, weiter oben leben Horden Affen, die dort bequem in der Sonne Nepals liegen, sich gegenseitig lausen (nur ein Grund sie nicht anfassen zu wollen) oder zwischen Stupas und Steinfiguren herum turnen um sich füttern zu lassen und um die Horden von Touristen zu beobachten. Und während in Köln am Weltkulturerbe „Kölner Dom“ nicht mal Tauben toleriert werden, findet dort am Swayambhunath jedes Lebewesen seinen Platz. Die einzige Gemeinsamkeit liegt darin, dass sowohl der Dom als auch der Swayambhunath immer noch für religiöse Riten benutzt werden. Aber das war es dann auch schon. Niemals werden wir im Dom Verkaufsstände mit allen Souvenirs sehen, die das Besucherherz erfreuen. Aber auch Alltagsgegenstände zu schamlos überzogen Preisen. Ob es karmisch gesehen von Vorteil ist für vier Batterien 400 statt 75 Rupien zu verlangen, sei dahin gestellt. Aber den Mönchen, die im Swayambhunath leben und beten ist es gleich. Wenn eh alles eine Illusion ist, dann kann der Tourist auch überzogene Preise zahlen. Kann er, tut er aber nicht. Zumindest nicht ich. Natürlich ist die gesamte Anlage so wie sie ist eine Augenweide. Und damit meine ich alles. Die Affen, die Verkäufer von Futter für die Affen; die Gläubigen und die Mönche, die zu den Augen Buddhas beten, die die Gebetsmühlen drehen damit sich auch einfache Tätigkeiten in den Pfad der Erleuchtung integrieren können; die sich mit vor dem Gesicht zusammengepressten Händen an die große, vergoldete Buddhastatue stellen, um dann verzückt lächelnd in die Kamera zu schauen. Wobei kleine Kinder die Verzückung besonders perfekt hinbekommen. Und die Buddhastatue, deren Gesicht ins Nichts versunken ist, ruht leicht und unbeirrt in diesem Trubel aus Illusionen. Und tatsächlich lösen sich alle Begebenheiten vor ihr wieder auf. Menschen und ihre Angelegenheiten kommen und gehen und nichts mehr erinnert eine Minute später daran, dass eben noch ein heiliges Posing auf ein Foto gebannt wurde. Und so ist es mit allen Dinge dort oben auf den Swayambhunath. Nur die religiösen Symbole, wie die sich langsam weiterdrehenden Gebetsmühlen, die rauchenden Butterkerzen und der Klang der Glocken haben Bestand. Die Menschen sind nur Schatten, die im Lichte der Botschaft des erleuchteten Buddhas verschwinden. Solange bis sie selber erleuchtet sind. Und so dient die Geschäftigkeit am Swayambhunath letztlich auch dem Weg zur Erleuchtung.
Ich zahle trotzdem keine 400 Rupien für Batterien.