Nein, trotz der geballten Macht an östlicher Spiritualität, oder das was der abgeklärte und technikaffine Backpacker dafür hält, ist jenes weder gekommen noch ist es hier in Nepal zu finden. Allerdings scheint hier ein Ende des Internets zu sein. Nicht nur das sich der multimediale Datenstrom, per Wifi durch die erfrischende und klare Luft geschickt, in den tiefen Tälern und Schluchten des Himalajas verliert. Auch in Städten wie Pokhara oder Kathmandu ist die nichtstoffliche Welt, die mir ja nun einiges bedeutet, nicht immer per Mobile greif- und verfügbar. Dachte ich zumindest.
Aber eines nach dem anderen.
Ghorakpur, 10.12.14
Der temporär heimatlose Backpacker baut vor und bemüht
sich bereits am Abend vor der Weiterreise, den entsprechenden Bus nach Sunauli zur indisch - nepalesischen Grenze, seinen Halteplatz und natürlich die genaue Abfahrtzeit in Erfahrung zu bringen. Easy enough, wenn sich denn die indischen Verhältnisse an meine Gewohnheiten und Wunschvorstellungen anpassen. Eigenartigerweise taten sie genau das nicht. Vor dem Bahnhof gab es zwei große Straßen auf denen eine Unmenge an Bussen standen. Bereit zu einer entzückenden Fahrt nach irgendwo. Eine noch größere Menge an
Indern, die nach irgendwo wollten. Und eine sehr kleine Menge an Indern, ca 4, die mir in rudimentärstem Englisch zu verstehen gaben, dass morgen der Bus da sein würde. Es folgte eine unbestimmte - bestimmte Richtungsangabe auf ein irgendwo da auf der Straße. Letztlich nur eine verbale Variante eines Kopfschüttelnicks. Nun gibt es in Indien in vielen Städten eine Einrichtung, die sich die Klügsten und Besten in irgendeiner vergangenen indischen Regierung haben einfallen lassen und die dem strauchelnden Touristen in Zeiten, des, latent eigentlich immer vorhandenen, Gefühls "ich habe keine Ahnung wo ich hin soll" mit Rat und Tat beiseite stehen soll: Das Tourist Office. Hier geht man hin, wird mit einem freundlichen gelächelten "Namaste" begrüßt und kann seine Verzweifelung an den
verständig blickenden Beamten abgeben, der sie sogleich in eine wundervolle Lösung verwandelt und dem Besucher aus dem fernen Land zurückschenkt. Im besten Fall. In Gorakpur erhält man ein freundliches Namaste von zwei Beamten, die in einem Raum mit einem Sessel, einer Couch und einem Tisch zum bezahlten Plausch zusammen gekommen sind und deren Blick eher sagt "Ein Tourist? Gibt es die auch noch?". Diese Interpretation kam wahrscheinlich nur deswegen zustande, weil sie in der schieren Verzweifelung ertränkt war, in dieser Stadt gestrandet zu sein. Nein, diese beiden Männer wollten helfen und sie taten ihren Job. Ja, es fährt ein Bus morgen früh zur Grenze nach Sunauli und ich möge doch bitte in diesem Buch meinen Namen eintragen. Namaste. Immerhin, es gab eine Lösung, die ich allerdings irgendwie noch nicht als solche erkannte.
Ich verabschiedete mich, wie sich dass gehört, mit einem freundlichen Namaste und dem Gefühl nichts erreicht zu haben. Planungen westlicher Prägung schienen nicht im mindesten mit denen indischer Prägung zusammen zu passen. Man spricht wohl nicht nur eine unterschiedliche Sprache. Zu dem Gefühl der Leere drängte sich der nicht minder reale leere Magen. Ich gebe zu, hin und wieder habe ich eine gewissen Neigung zur Melodramatik. Aber was hätte ich nicht gegeben für einen Rest von Malikas Biryani, diesem Lembas aus dem Homestay in Varanasi. Es hätte mich gesättigt und mir neuen Mut gegeben, Hoffnung auf ein "Ende gut, alles gut". Aber es war weg und was blieb? Eine Reihe von offenen Restaurants vor dem Bahnhof, die aussahen als wenn sie jedes deutsche Gesundheitsamt nicht nur geschlossen sondern gleich, quasi als Notschlachtung, hätte sprengen lassen. Aber auch das ist nur die falsche Interpretation eines Gestrandeten mit Verzweifelung im Blick. Diesen Blick hatten auch drei Engländer, die in einem der Restaurants ein Thali bestellt hatten und die ich fragte, ob sie wüssten wo der Bus nach Sunauli abfahren würde. Während einer hektisch ein Chapati in seinem Thali herumtunkte, sagte er, dass sie auch nicht wüßten, wo der Bus abfährt, aber dieser nepalesische Soldat wisse es. Er rief ihn heran und was dann folgte, lässt sich nur schwer beschreiben. Übrig blieb das ich sehr sicher wahr, dass der Soldat seinen Namen wusste. Ich habe die drei Engländer nie wieder gesehen. Ram nam sayte hai.
Ich verzichtete auf Thali, Masala Dosa und was die indische Küche sonst noch so zu bieten hat und ging zurück in meine Zelle, wo ich dann, wie schon berichtet, auf das Morgen wartet, wie ein Verirrter in der Wüste auf ein Glas Wasser. Und das Morgen kam.
Aber eines nach dem anderen.
Ghorakpur, 10.12.14
Der temporär heimatlose Backpacker baut vor und bemüht
| Gorakpur Bahnhof |
Indern, die nach irgendwo wollten. Und eine sehr kleine Menge an Indern, ca 4, die mir in rudimentärstem Englisch zu verstehen gaben, dass morgen der Bus da sein würde. Es folgte eine unbestimmte - bestimmte Richtungsangabe auf ein irgendwo da auf der Straße. Letztlich nur eine verbale Variante eines Kopfschüttelnicks. Nun gibt es in Indien in vielen Städten eine Einrichtung, die sich die Klügsten und Besten in irgendeiner vergangenen indischen Regierung haben einfallen lassen und die dem strauchelnden Touristen in Zeiten, des, latent eigentlich immer vorhandenen, Gefühls "ich habe keine Ahnung wo ich hin soll" mit Rat und Tat beiseite stehen soll: Das Tourist Office. Hier geht man hin, wird mit einem freundlichen gelächelten "Namaste" begrüßt und kann seine Verzweifelung an den
verständig blickenden Beamten abgeben, der sie sogleich in eine wundervolle Lösung verwandelt und dem Besucher aus dem fernen Land zurückschenkt. Im besten Fall. In Gorakpur erhält man ein freundliches Namaste von zwei Beamten, die in einem Raum mit einem Sessel, einer Couch und einem Tisch zum bezahlten Plausch zusammen gekommen sind und deren Blick eher sagt "Ein Tourist? Gibt es die auch noch?". Diese Interpretation kam wahrscheinlich nur deswegen zustande, weil sie in der schieren Verzweifelung ertränkt war, in dieser Stadt gestrandet zu sein. Nein, diese beiden Männer wollten helfen und sie taten ihren Job. Ja, es fährt ein Bus morgen früh zur Grenze nach Sunauli und ich möge doch bitte in diesem Buch meinen Namen eintragen. Namaste. Immerhin, es gab eine Lösung, die ich allerdings irgendwie noch nicht als solche erkannte.
Ich verabschiedete mich, wie sich dass gehört, mit einem freundlichen Namaste und dem Gefühl nichts erreicht zu haben. Planungen westlicher Prägung schienen nicht im mindesten mit denen indischer Prägung zusammen zu passen. Man spricht wohl nicht nur eine unterschiedliche Sprache. Zu dem Gefühl der Leere drängte sich der nicht minder reale leere Magen. Ich gebe zu, hin und wieder habe ich eine gewissen Neigung zur Melodramatik. Aber was hätte ich nicht gegeben für einen Rest von Malikas Biryani, diesem Lembas aus dem Homestay in Varanasi. Es hätte mich gesättigt und mir neuen Mut gegeben, Hoffnung auf ein "Ende gut, alles gut". Aber es war weg und was blieb? Eine Reihe von offenen Restaurants vor dem Bahnhof, die aussahen als wenn sie jedes deutsche Gesundheitsamt nicht nur geschlossen sondern gleich, quasi als Notschlachtung, hätte sprengen lassen. Aber auch das ist nur die falsche Interpretation eines Gestrandeten mit Verzweifelung im Blick. Diesen Blick hatten auch drei Engländer, die in einem der Restaurants ein Thali bestellt hatten und die ich fragte, ob sie wüssten wo der Bus nach Sunauli abfahren würde. Während einer hektisch ein Chapati in seinem Thali herumtunkte, sagte er, dass sie auch nicht wüßten, wo der Bus abfährt, aber dieser nepalesische Soldat wisse es. Er rief ihn heran und was dann folgte, lässt sich nur schwer beschreiben. Übrig blieb das ich sehr sicher wahr, dass der Soldat seinen Namen wusste. Ich habe die drei Engländer nie wieder gesehen. Ram nam sayte hai.
Ich verzichtete auf Thali, Masala Dosa und was die indische Küche sonst noch so zu bieten hat und ging zurück in meine Zelle, wo ich dann, wie schon berichtet, auf das Morgen wartet, wie ein Verirrter in der Wüste auf ein Glas Wasser. Und das Morgen kam.
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