Genauso wenig weiß ich was ein indischer Mann denkt, wenn er zu mir sieht. Da ich das hin und wieder auch mache, könnten wir also beide denken: "Was starrt der mich so an?" Eine ziemlich nutzlose Variante der Völkerverständigung, da sie bisher immer damit endete, dass wir wortlos aneinander vorbei gingen. Frauen schaue in der Regel gar nicht oder aus dem verborgenen Off an, obwohl ich manchmal vermute, dass das nicht falsch verstanden werden würde. "Keine Angst, der Weiße da will nur starren." Etwas indiskreter bin ich bei Frauen, die auf Mopeds neben, mit einem Tuch vollverdeckten Gesicht, auch noch eine Sonnenbrille tragen. Dies ist nicht mit einem Schleierdekret zu verwechseln. Die Art von Frauen, aus dem muslimischen Kulturkreis kommend, fahren in der Regel nicht selber und wenn dann Rikscha. Nein, diese Art von Frauen versuchen sich vor den allgegenwärtigen Abgasen der Autos, Mopeds, Tuktuks und Kühen zu schützen. Bei der Menge an schlechter Luft in Varanasi eher ein Tropfen auf den heißen Stein. Und so sieht es eher so aus als würden sie von einem konspirativen Treffen kommen, und nicht eine Maßnahme gegen die Verkleisterung ihrer Bronchien.
Aber zurück zum Treffen der Kulturen. Nett ist es eigentlich mit Kindern oder Jugendlichen. Ein Lächeln, ein Hi. Aus irgendwelchen Gründen gehen sie manchmal eine Zeit lang grinsend neben mir her und verschwinden dann wieder im Wust bunter Saris, Betel spuckender Männer, bekleideter Ziegen und dösender Kühe.
Was ich ebenfalls schlecht bis gar nicht verstehe, ist meine Rolle hier in Varanisi. Okay, ich selber weiß was ich hier will. Sehen das der Ganges sich hier verfärbt wenn der Tag fortschreitet. Den Weihrauch in den Gassen riechen, manchmal auch diesen Minzgeruch, wenn ein Betelpäckchen fertig gemacht wird. Den erfrischenden Hauch von Koriander, wenn ich auf einen Markt in den Gassen der Altstadt gestoßen bin, der im halbfertigen Rohbau eines Hauses seine Pforten geöffnet hat. Ein Bananalassi im Blue Lassi Cafe oder eine Roselassi im Aum Cafe. Zu sehen das es in dieser überschäumenden, und oft genug ignorierend wirkenden, indischen Lebensweise mildtätige Gesten gibt.
Ich allerdings scheine für Inder eine heilige Rolle zu haben. Denn von vielen werde ich als eine zu melkende Kuh aus dem Westen betrachtet, die man nach belieben auf Geld ansprechen kann, egal was sie grade macht. Nicht das ich etwas dagegen habe in den Stand eines Heiligen erhoben zu werden. Nein, aber ich weiß das dieser Stand mit der Fülle meiner Brieftasche verbunden ist. Es nagt also ein bisschen an meinem persönlichen Narzissmus, wenn ich als heilige Kuh mit Verfallsdatum, abhängig von meiner Bonität, mein indisches Dasein friste.
Aber wie ist es wenn ich den Narzissmus rausnehme. Dann ist es weit weniger persönlich. Es ist okay zu wissen, dass ich 10 statt 5 Rupies für eine Kerze in einer Lotusblüte ausgegeben habe. Nicht nur weil es aus meiner Sicht nur 0,13 Cent sind, sondern auch weil jemand abends dann ein warmes Essen haben wird und ich als "heilige Kuh" dafür gesorgt habe. Das ist mein Job, denn ich mit meiner Einreise erhalten habe. Nun ja, und ist nicht der schlechteste Lohn, den ich dafür erhalte.
Sehr bunt! Sehr vielfältig! Das Rosenlassi würde ich gern probieren..;)
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